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Überall und auch an diesem Ort!

Gedanken anlässlich einer kommunalpolitischen Sitzung

 

Es hätte überall sein können, denn derzeit ist sie in aller Munde, diese Angelegenheit mit den Asylsuchenden. Aber, dass sie an diesem Ort so zur Sprache kam und in diesem Kreis, und in dieser Art und Weise war schon beklagenswert. Es saßen gewählte Stadträtinnen und Stadträte beieinander und  debattierten über Soziales und die Gleichstellung. Und eine Rätin christlicher Seite, zudem gewählte Ansprechperson für Ausländer befand man müsse die männlichen Asylsuchenden belehren über das Grundgesetz, genauer die Gleichstellung von Mann und Frau. Denn, so wurde ihr berichtet, diese ließe zu wünschen übrig und das deutsche Grundgesetz müsse beachtet werden! Da es im zugänglichen Teil der Sitzung geschah, denn die Öffentlichkeit wurde vertreten durch einen jungen Mann, der über seinen Verein berichtete, können wir uns auch darüber an dieser Stelle Gedanken machen. Kurz und gut, oder vielmehr auch nicht, ein zustimmendes Gemurmel setzte ein. Wer bei uns Schutz sucht soll auch das Grundgesetz anerkennen, hieß es. Wer zu uns kommt, der soll unsere Lebensweise annehmen. Und es schien so logisch, es klang so gut: Wen ich in den Urlaub fahre rief ein Stadtrat, dann richte ich mich auch nach den Sitten und Gebräuchen der dort Lebenden. Ja, es ist richtig es gibt Probleme im Zusammenleben zwischen und mit denen, die zu uns flüchten und es wird weiter Probleme geben. Ja, es ist aber auch richtig, es gibt Probleme zwischen denen, die hier leben und denen die hier leben! Immer können zwischen Menschen Probleme auftreten. Und es ist nicht daran zu rütteln, wir müssen verteidigen, was an fortschrittlichen Werten in unseren Gesellschaften entstand. Aber zwei Aspekte gilt es dabei zu beachten. Zum ersten: das Recht auf Asyl ist ein hohes, gestützt durch Grundgesetz und die Charta der Vereinten Nationen. Recht fragt nicht nach Wohlverhalten, Recht fragt nicht nach Anpassung, Recht wird gewährt aus sich heraus. Oder ist es so in Deutschland, dass der Empfänger von ALG II, übler weise Hartz 4 genannt, dies nur bekommt, wenn er die Gleichberechtigung von Mann und Frau anerkennt? Oder wenn er in seine Wohnung regelmäßig, säubert? Dies wäre ein Stück aus dem Tollhaus! Obwohl... doch dazu später.

Recht also wird gewährt, ist einklagbar und unabhängig von der Person. Und wer gegen Gesetze verstößt, der wird zur Rechenschaft gezogen, von einem Gericht, egal ob Deutscher oder Syrer, egal ob Jude, Moslem oder Christ. Das muss gelten. Und wenn er seine Frau schlägt, wenn es in Familien zu Auseinandersetzungen kommt, dann ist dies eine Sache der Polizei und nicht einer Ausländerbehörde, noch weniger des Mobs. Aber wie viele „gute“ Nachbarn sehen verstohlen weg wenn es im deutschen Heim passiert und deuten entrüstet auf die Flüchtlingsfamilie, wenn sie lautstark streitet? In einer deutschen Zeitung, der FAZ  können wir einen fiktiven Brief an Flüchtlinge finden. Dort kann man, nach Aufzählung einer Reihe von Dingen, die Asylbewerber unbedingt zu beachten haben, lesen: „Sollten Sie diese Ansichten jedoch ablehnen, ist es besser, wenn Sie unser Land rasch wieder verlassen – denn Deutschland kann und will keine Heimat sein für Menschen, die sich diesen Regeln nicht beugen. Da können wir leider null Toleranz zeigen. Mit herzlichem Gruß, Ihr Deutschland.“ (FAZ –online 16.11.2015)

Noch einmal, Recht fußt auf Gleichheit, wenigstens formal. (Ihr wisst…)

Jedoch, da ist noch etwas anderes, was geltend gemacht wird, die Lebensweise, soll ich sagen, unsere doitsche? Die, fürchten manche, wird nun untergraben, ausgespült weshalb wohl auch vom Flüchtlingsstrom gesprochen wird.  Zu viele kenne ich, die mit diesem Begriff nichts anfangen können, die Lebenskonzepte jenseits des Mainstreams haben. Sollen die raus aus diesem Land? Wenn wir schon über sogenannte christliche Leitkultur sprechen müssen, dann sei  ihren Verfechtern auch ein christliches Zitat in Erinnerung gebracht.

„Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge bemerkst du nicht?“

Ist es so  schlimm, wenn sich ein arabischer Mann nicht von einer Verkäuferin bedienen lassen will?  Für mich nicht, für ihn schon, denn irgendwann steht er mit leeren Taschen und knurrenden Magen da. Überhaupt, es wird so vehement die Gleichberechtigung bemüht, es pochen so heftig auf sie die  kleinen Bürger und Bürgerinnen, dass fast vergessen wird, diese wurde nicht im warmen Pfuhl des trauten Heims von der Hausfrau am Herd erstritten, nein das Recht eroberten sich wehrhafte Frauen und solidarische Männer auf der Straße, im jahrhundertelangen Kampf gegen den dumpfen Kleingeist. Und die es taten,  lebten sie noch heute, würden, dessen bin ich gewiss, auch streiten für die Sache der Flüchtlinge. Ein Blick zurück lohnt allemal, in die Bundesrepublik, die alte. Die Frau erhielt bis 1962 kein Bankkonto ohne Zustimmung ihres Ehemannes. Noch bis 1977 waren Frauen gesetzlich "zur Führung des Haushaltes" verpflichtet, der Ehemann konnte darüber bestimmen, ob sie arbeiten gehen durfte. Während der Kleinbürger in Filzlatschen vor dem Fernseher saß, die Bild in der Hand, die Bierflasche bei Fuß, standen andere vor Wasserwerfern und Polizeiknüppeln. Es waren die, welche für die Gleichberechtigung und  auch einen anderen Lebensstil, auf die Straße gingen, Ende der 60‘ iger. Denen wurde zugebrüllt: „Haut doch ab nach drüben“.  Der Ruf kam aus dem gleichen Nest, aus dem heute schallt: „Wer sich nicht einordnen will, hat bei uns nichts zu suchen.“ Der Vater dieser Worte  ist die Intoleranz, die Mutter ist die Sorge um die eigene Bequemlichkeit, die Kinder aber,  von ihnen gezeugt, werden in brauen Hemden mit der Fackel in der Hand auf der Straße marschieren, um alles ihnen Fremde zu vertreiben, egal ob es aus ihrem oder anderem Land stammt.

Jawohl, wir sind gegen diejenigen, die Frauen das Recht aberkennen, für sich selbst zu sprechen, jawohl wir sind gegen Hassprediger, in Moscheen und vor dem Erfurter Dom, gegen Intoleranz gegen Betrüger und Diebe, überall und immer! Natürlich können wir Zustände nicht dulden, wenn in Gebäuden Türen eingetreten werden, Regale aus dem Fenster geworfen, Feuerlöscher entleert, Flure unter Wasser gesetzt und Nachbarn durch den Lärm am Schlafen gehindert werden.  Dagegen geht der Staat vor, auch wenn es, wie im geschilderten Fall, Studenten der TU Ilmenau waren, die eine Party feierten!

Nur, niemand wird sagen:  Studenten raus aus Deutschland!

Lasst mich zum Zweiten kommen. Unser Verhalten zu Flüchtlingen wird nicht nur durch Recht geregelt, es ist auch eine Frage der Menschlichkeit, des offenen Herzens. Nehme ich in meine Hütte den vor Erschöpfung taumelnden, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann  nur auf, wenn er vorher verspricht, sich die Füße abzutreten? Rette ich den verzweifelt nach Luft ringenden Ertrinkenden nur auf seine Versicherung hin, künftig zu gestatten, dass seine Tochter am Schwimmunterreicht teilnimmt? Ist Humanität an Versicherungen, an Versprechen gebunden, wird sie nur unter Vorbehalt erteilt? Ist Hilfe unter einem Kalkül noch Hilfe? Dies scheint uns absurd. Aber ist es weniger absurd von jemand, der aus einem brennenden Land flüchtet zu verlangen, er möge, bevor er es verlässt alles vergessen, was er in seinem Land über Ehre oder Schande der Familie gehört [sic.]  habe. Und sich klar zu sein darüber, dass es in Deutschland erlaubt sei, dass Männer Männer lieben können.  (a.a.O.)  

Nun bin ich in den Jahren, in denen der Verstand sich auch aus Erinnerungen nährt. So fällt ein Gedicht mir ein, vor vielen Jahren lernte ich es in der Schule, jenes vom Gastfreund, Herder schrieb es.

Ein Brite  lag in einer afrikanischen Hütte krank danieder. Ein britisches Schiff legte an der Küste an Sklaven zu nehmen. Die aufgebrachte Menge sammelte sich um die Hütte, lynchen wollten sie den Kranken. Jedoch, es hielt sie der Besitzer der Hütte zurück. „Kein Europäer“, sprach er, „ist in dieser Hütte, mein Gastfreund ist er und ein kranker Mensch.

Die Menge zerstreute sich und dankte am anderen Morgen den tapferen Besitzer. Das Gedicht endet mit den Worten: „Also der Neger.- Europäer wir?“     

Das Christentum hatte keine Zeit, sich in mir einzunisten, wenn ich es auch mitunter gern an meiner Seite sehe, aber wie bedauere ich, dass es vielen Menschen in diesem Landstrich so fern ist, auch wenn sie Mitglieder einer Partei sind, die sich seines Namens bedient. Im Matthäusevangelium fänden sie die Worte, die sie leiten könnten:

 „Was ihr einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Stattdessen sind ihnen andere nah, leihen sie denen ihr Ohr,  die  von Flüchtlingsströmen, von einer Katastrophe gar reden, ganz so, als seien hier Urgewalten am Werke, als ginge es nicht um Menschen.

Ja, die Plappermäulchen der ums Abendland besorgten Bürgerinnen und Bürger wiederholen, was ihnen weisgemacht wird und erkennen nicht die Absicht dahinter. Denn glauben sollen sie, es geschieht etwas was uns überkommt, unvorhersehbar, unbeherrschbar.

Nein, die Augen der Verantwortlichen hätten es sehen können, wären sie nicht blind dafür. Die Ohren hätten ihn hören können, den Donner der deutschen Geschütze im fremden Land, wären sie nicht taub dafür. Die Rede geht so, wie sie geht, denn es gilt den Leichtgläubigen zu verbergen, wo die Mächtigen gefehlt. Zu verbergen, dass falsche Politik und deutsche Waffen in falschen Händen eine Ursache für die Flucht schufen. Und die Gier, Land und Wasser zu bekommen, die Gier mehr Geld zu bekommen mit billigen Produkten, die Gier nach Rohstoffen. Und unser Geiz, der geil sein soll, aber nur armselig ist und arm macht. Was kann ein Mensch anderes tun, als zu fliehen, wenn er nicht mehr an dem Ort leben kann, an dem er bisher lebt? Europäische Konzerne haben Politik gelenkt und für die Vertreibung gesorgt. Das Leid und Elend der Flüchtlinge ist die Münze, mit der unser Wohlstand bezahlt wird.   

Doch noch einmal zu dem Stück aus dem Tollhaus. Wer mag denn seine Hand dafür ins Feuer legen, dass, wenn das Recht auf  Zuflucht an Bedingungen geknüpft wird in diesem Land, wenn nur der gehorsame, sich wohlverhaltende bleiben darf, dies nicht auch gelten soll für neue Gruppen? Für die Empfänger von ALG II? Für  die Empfänger von Sozialhilfe? Für andere noch? Merkt ihr welche Dämme brechen können und warum es so notwendig ist das Recht zu verteidigen und nichts zuzulassen, keine Ausnahmen, und Ausreden schon gar nicht. Merken die, die aus Angst um das bisschen was sie bekommen mit anschreien gegen die Flüchtlinge, an dem Ast sägen, der sie trägt? Was hier geprobt wird an Menschen die der Not entfliehen, kann schnell schon zur Gewohnheit für andere werden. Klein ist der Riss im Deich, bevor der birst, doch wird er nicht gestopft, kommt bald die schlimme Flut. Wahrt die Rechte der Flüchtlinge, denn es sind eure eigenen.

Karl-Heinz Mitzschke

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